… und das hat dann ihm nicht gefallen …

(tcp, Navan/IRL, 1974) – Es war sozusagen der zehnte Sommer in meinem noch jungen Leben und mein zweiter so richtiger Auslandsurlaub, oder war es gar der erste? Egal. Englisch sollte ich halt lernen. In einer Gastfamilie in Irland, südlich von Dublin. Englisch? Mama war dabei, wozu also? Ok, ich war also dort, am richtigen Ort zur richtigen Zeit … aus heutiger Sicht. Englisch habe ich zwar nicht wirklich viel gelernt, zumindest ist nicht viel Brauchbares hängengeblieben, mit Händen und Füßen musste ich mich bei den anderen irischen Kindern aber doch nicht verständigen. Ich hab halt geplaudert, wie die Kinder dort auch. Ja, und herumgetrieben mit den Kids der Gastfamilie habe ich mich jedenfalls.

Also, das war so. Der große Kevin und der kleine Terence werden die zwei Buben gerufen, ersterer so alt wie ich. Da ist dann auch noch die vierzehnjährige Mary und eben ich, der exotische Gast vom Kontinent. Wann auch immer in diesen schönen drei Wochen sind wir ein paar Häuser auf eine große weite Wiese abgehauen um uns mit den Kindern vom Nachbarviertel heiße Fußballmatches zu liefern. Irland hin oder her, hochnäsig wie die Inselbewohner Britanniens einmal sind, sprechen sie mir vorerst natürlich jede Fähigkeit ab, überhaupt mithalten zu können … beim Soccer. Nicht ahnend, dass ich in der Fußballmannschaft meiner Schule in Wien etabliert war, die ein Jahr später das erste Wien weite Schülerligafinale gewinnen wird. Kurz um, nach der ersten „Gurk’n“, die Deutschen sagen „Beinschuss“ – nicht Sportbegeisterte sehen also einen Schuss mit dem Ball zwischen den Beinen des Gegners hindurch, war ich spielberechtigt. Kurz und Gut, der „Kontinental“ hat seinen Platz. Mary ist mein größter Fan und demensprechend wächst auch mein noch nicht testosterongesteuertes Selbstbewusstsein. Eine Hürde gibt es dennoch noch – zu welcher Fußballmannschaft ich wohl hielte? Hm, Austria Wien oder Rapid Wien werden denen doch kein Begriff sein … nein, es muss schon eine Britische Mannschaft sein. Gut, ich mit zehn Jahren habe keinen Schimmer was da auf den Inseln so abgeht. Kevin, mein Aufpasser ist Leeds Fan – blau-gelb denke ich mal ist die Vereinsfarbe … da fällt mir gottseidank zufällig das Vorbild von Hans Krankl ein. Es ist das WM Jahr in München, welches ohne Österreich stattfindet – nur der blutjunge Hans Krankl hat bereits eine Art Lebensgeschichte. Er wolle sich immer an George Best orientieren, sein Vorbild. Heraushängendes Leiberl, herunter gerollte Stutzen und viele Tore. Da fällt mir ein, wo der Typ spielt oder gespielt hat. Bei Machester United … zufälligerweise auch ein Rekordmeister … dort. Die Runde geht an mich.

Soweit, so gut, Spiel um Spiel, „behmische Türl’n und ein Steirer-Goal um das Andere“ und die Gegner wollten nicht mehr gegen Kevins Freunde und mich spielen. Zumindest für ein paar Tage …

Was also tun?
So lerne ich von Kevin und Mary ein gänzlich neues Spiel kennen. Statt auf die entfernte Wiese zu wandern, bleiben wir in der Gasse vor dem Haus mit seinem sauber gepflegten Vorgarten. Jedes Haus hat so was. Britisch halt. Mary sitzt auf den Stufen zum Eingang und beobachtet interessiert unser Treiben. Kevin bricht von einem Strauch drei kleine Äste ab und steckt sie in eine Ritze im Asphalt auf der Straße. Dann holt er aus der Garage einen Tennisball und einen Holzprügel. Was das wird, frage ich nicht nur mich. Kevin zeigt Dir jetzt etwas, was Du sicher nicht kannst, lacht Mary. Ach wie geht mir die plötzlich auf die Nerven. Kevin geht mit zwanzig weiten Schritten, die eines Kindes eben, von den drei Ästen nach vor und zeichnet eine Linie quer über die Straße. Gibt mir die Filzkugel in die Hand und meint, ich soll die vom Strich aus zu ihm werfen. Heute würde ich sagen, es sind sicher nicht die zweiundzwanzig Yards (rund 20 Meter), die es sein sollten – doch weit genug, dass ein ungeübter Zehnjähriger den Ball nur bis kurz vorher werfen kann. Genau das, was Kevin eigentlich will. Jetzt wirf endlich, fordert das Mädchen auf den Stufen. Befehl ist Befehl. Ich werfe und Kevin drischt auf den Tennisball ein, als gebe es kein Morgen. Natürlich darf ich den Ball holen - zwei Gassen weiter … das macht mir so absolut keinen Spaß. Da würde ich lieber mit Mary … (an das habe ich damals eigentlich noch gar nicht gedacht). Ball um Ball verschwindet und der Österreicher spielt Ballschani. Scheißspiel. Bevor mir die Lust zu diesem dummen Spiel endgültig vergeht, erklären mir Mary und Kevin, dass ich die drei Äste, die hinter Kevin in der Straße stecken, zu treffen habe. Ah ja! Und wie soll das gehen, wenn Kevin mit dem Holzprügel davor steht? Darin läge der Sinn des Spiels, meint die junge Dame, nicht ohne hämisches Grinsen im Gesicht. Ach wie hasse ich sie jetzt. Ich bin der Depp, der dem Ball hinterherläuft und sie applaudiert Kevin. Der nervt mich auch langsam. Ich werfe und laufe dem Ball nach. Nein, das geht so nicht. Also, wie erklärt, ich versuche mein Ziel neu einzustellen. Nicht gefällig zu Kevin zu werfen, sondern die drei Dingsbums da zu treffen. Gesagt getan. Nach der ersten Zieljustierung nimmt Kevin zu Kenntnis, dass er einen neuen Ast von Papas heiligem Strauch im Garten abbrechen muss. Einen von den drei Ästen habe ich offensichtlich so hart getroffen, dass er nicht mehr brauchbar war. Bevor der schöne Strauch sein Leben ausgehaucht hat, verliert plötzlich Kevin die Lust am Weiterspielen. Auch gut, mir ist das sowieso zu blöd.

Tage später, kurz vor unserer Heimreise nach Österreich, bin ich noch bei Mary zu Hause eingeladen. Wann haben die Iren in diesem kleinen Nest Navan schon einen Ausländer zu Gast. Marys Mama hat zum Abschied extra eine Torte gemacht. Sogar eine Rot-Weiß-Rote Fahne hat Mary gebastelt und fein säuberlich darauf gesteckt. Immer wieder sprechen wir über die viel zu schnell vergangenen drei Wochen.

Es war so schön in Irland! Neben vielen anderen Geschichten, die mir zu diesem Urlaub einfallen, sind die Tage mit den Gleichaltrigen bis heute in Erinnerung, als wären sie gerade vor ein paar Stunden gewesen. Noch einmal will ich wissen, was das komische Spiel mit Kevin auf der Straße für einen Sinn gehabt haben soll. Einer wirft und muss den Ball immer wieder holen und versteht nicht, warum immer er. Später, einer wirft und dann ist der andere beleidigt und hört auf zu spielen. Gut, meine liebe Freundin Mary kann mir das nicht ganz schlüssig erklären. Doch die aufmerksame Gastgeberin lacht plötzlich hell auf, als ihr Mary und ich von diesem, für mich, komischen Spiel erzählen … Du solltest Cricket lernen, Du hast es drauf, meint Marys Mutter … „ … of course he wasn’t very amused! “

comments